Dr. med. Christine Seitz ist Chefärztin der Gynäkologie mit umfassender klinischer und operativer Erfahrung. Sie verfügt über das MIC III Zertifikat in minimalinvasiver Chirurgie und ist Mitglied in mehreren führenden Fachgesellschaften, darunter die Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Endoskopie, die Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion, die Deutsche Menopause Gesellschaft sowie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und die AG CPC für Zervixpathologie und Kolposkopie. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen insbesondere in der Behandlung von Endometriose, der Beckenbodenmedizin sowie der ganzheitlichen Frauengesundheit über alle Lebensphasen hinweg.
Diba Nazar-Czaplinski: Können Sie uns einen kurzen Einblick in Ihren beruflichen Werdegang geben und was Sie persönlich zur Gynäkologie geführt hat?
Hebammenausbildung in Würzburg, Medizinstudium in Berlin, Facharztausbildung in Mühlhausen und Bad Hersfeld, Oberärztin und MIC Ausbildung im Krankenhaus Sachsenhausen bei Dr. Hessler in Frankfurt, seit 2019 am Klinikum Werra Meißner in Eschwege, zunächst als leitende Oberärztin, seit 2023 als Chefärztin der Gynäkologie.
Mein Weg in die Gynäkologie war tatsächlich ein besonderer, weil ich ursprünglich eine Ausbildung zur Hebamme in Würzburg absolviert habe und auch mehrere Jahre als Hebamme gearbeitet habe. In dieser Zeit habe ich Frauen in einer der intensivsten und prägendsten Phasen ihres Lebens begleitet. Dabei habe ich erlebt, wie wichtig nicht nur menschliche Unterstützung, sondern in manchen Momenten auch schnelle medizinische Entscheidung und ein breites therapeutisches Spektrum sind. Auch diese Verbindung aus enger Begleitung, medizinische Verantwortung und operativen Möglichkeiten hat in mir den Wunsch geweckt, Medizin zu studieren und Gynäkologin zu werden.
Diba Nazar-Czaplinski: Was sind heute Ihre wichtigsten fachlichen Schwerpunkte in Ihrer täglichen Arbeit als Chefärztin?
Meine fachlichen Schwerpunkte liegen in der operativen Gynäkologie – insbesondere dem minimalinvasiven OP-Verfahren – sowie in der Urogynäkologie und Beckenbodenmedizin. Besonders wichtig ist mir dabei die Verbindung aus hoher medizinischer Qualität und einer sehr persönlichen, individuellen Begleitung der Patientin. Als Chefärztin gehört für mich aber auch die Weiterentwicklung unseres Fachbereichs dazu: Moderne Frauenmedizin gemeinsam mit einem starken Team menschlich und zukunftsorientiert zu gestalten.
Diba Nazar-Czaplinski: Mit welchen Beschwerden rund um Beckenboden, Muskulatur oder hormonelle Veränderungen kommen Patientinnen am häufigsten zu Ihnen?
Am häufigsten stellen sich Patientinnen mit Beckenbodenschwäche in unterschiedlicher Ausprägung vor. Wir betreuen die Patientin bereits prä- und postpartal präventiv wie auch therapeutisch mit verschiedenen konservativen Verfahren, sei es Beckenboden- Elektrostimulationstherapie, Pessartherapie, aber auch durch medikamentöse Therapie bei Harninkontinenz. Bei ausgeprägten Befunden und insbesondere bei abgeschlossener Familienplanung kommen verschiedene OP Verfahren bei Wunsch der Patientin infrage z. B. laparoskopische Eingriffe, sowie vaginale Eingriffe mit oder ohne Netzimplantat. Jede Patientin bekommt eine maßgeschneiderte individuelle Therapie.
Diba Nazar-Czaplinski: Welche Rolle spielt ein gesunder Beckenboden für die langfristige Frauengesundheit insbesondere nach Schwangerschaften oder in den Wechseljahren?
Ein gesunder Beckenboden spielt eine zentrale Rolle für die langfristige Gesundheit und Lebensqualität von Frauen – oft wird seine Bedeutung aber erst wahrgenommen, wenn Beschwerden auftreten. Der Beckenboden ist weit mehr als nur eine Muskelgruppe. Er stabilisiert die Beckenorgane, trägt zur Kontinenz bei, unterstützt die Körperhaltung und hat auch Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden und die Sexualität.
Gerade nach Schwangerschaften und Geburten ist der Beckenboden naturgemäß stark beansprucht. Viele Veränderungen bilden sich zurück, aber nicht immer vollständig. Deshalb ist Prävention, Rückbildung und eine frühzeitige Sensibilisierung so wichtig.
In den Wechseljahren verändert sich die Situation erneut: Durch hormonelle Veränderung verliert das Gewebe an Elastizität und Stabilität, wodurch Beschwerden wie Senkungsgefühl oder Inkontinenz häufiger vorkommen können. Das sollte aber keineswegs als unvermeidlicher Teil des Älterwerdens hingenommen werden. Mir ist wichtig zu vermitteln: Beckenboden-Gesundheit ist kein Tabuthema und keine reine Frage des Alters – sie ist ein wesentlicher Bestandteil von Frauengesundheit in jeder Lebensphase, und wir können heute sehr viel präventiv und therapeutisch tun.
Diba Nazar-Czaplinski: Sie sind auf Endometriose spezialisiert. Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen dieser Erkrankung und der Muskulatur insbesondere im Beckenbodenbereich?
Endometriose wird oft primär als Erkrankung des Bauchraumes oder der Beckenorgane wahrgenommen – tatsächlich betrifft sie aber häufig das gesamte Schmerzmuskelgeschehen im Becken. Viele Patientinnen mit Endometriose entwickelten durch die chronischen Schmerzen eine dauerhafte muskuläre Anspannung, insbesondere im Beckenbodenbereich. Das ist gewissermaßen eine Schutzreaktion des Körpers. Wenn Schmerzen immer wieder auftreten, erhöht die Muskulatur ihren Grundtonus, das Problem ist, dass daraus ein eigener Beschwerdekreislauf entstehen kann. Ein überaktiver oder verspannter Beckenboden kann selbst Schmerzen verursachen – etwa beim Sitzen, beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen oder Stuhlgang – und die eigentliche Endometriosesymptomatik zusätzlich verstärken. Deshalb reicht das oft nicht aus nur die sichtbaren Endometrioseherde zu behandeln. Eine moderne Endometriose Behandlung muss aus meiner Sicht multimodal sein. Dazu gehören neben der operativen oder medikamentösen Therapie auch die Mitbehandlung muskulärer und funktioneller Komponenten, beispielsweise durch spezialisierte Beckenboden Physiotherapie, Schmerztherapie oder ein interdisziplinäres Behandlungskonzept.
Diba Nazar-Czaplinski: Viele Frauen wissen, dass sie ihren Beckenboden trainieren sollten, setzen es aber nicht konsequent um. Woran liegt das aus Ihrer Erfahrung?
Ich glaube, das liegt an mehreren Faktoren. Zum einen ist der Beckenboden für viele Frauen etwas sehr Abstraktes – man sieht ihn nicht, man spürt ihn nicht bewusst und vielen ist gar nicht klar, wie zentral wichtig er für Kontinenz, Stabilität und Lebensqualität ist.
Was man nicht unmittelbar wahrnimmt, gerät im Alltag leicht in den Hintergrund. Zum anderen ist der Beckenboden leider immer noch mit einer gewissen Tabuisierung behaftet. Über Rückbildung, Inkontinenz oder Senkungsbeschwerden sprechen viele Frauen erst, wenn der Leidensdruck schon hoch ist. Prävention hat es da naturgemäß schwerer. Und ganz praktisch: Der Alltag vieler Frauen ist voll zwischen Beruf, Familie und den Anforderungen des täglichen Lebens bleibt Selbstfürsorge oft auf der Strecke. Wenn Beschwerden noch nicht akut sind, fehlt häufig die Priorität.
Aus meiner Erfahrung kommt noch etwas dazu: Viele Frauen wissen zwar, dass sie etwas tun sollten aber nicht wie. Beckenbodentraining ist nicht einfach nur „Anspannen“ – es braucht oft zunächst ein gutes Körpergefühl und manchmal auch Anleitung. Wenn Übungen unsicher machen oder kein unmittelbarer Effekt spürbar ist geht die Motivation schnell verloren.
Diba Nazar-Czaplinski: Welche konkreten Tipps geben Sie Frauen, um ihre Beckenbodenmuskulatur im Alltag besser wahrzunehmen und zu stärken?
Der erste wichtige Schritt ist tatsächlich nicht das Training, sondern die Wahrnehmung.
Viele Frauen wissen gar nicht genau, wie sich ein aktivierter Beckenboden anfühlen sollte. Hier kann die Beckenboden Elektrostimulation-Therapie helfen. Wie beim EMS Training wird über eine Vaginalsonde die Beckenbodenmuskulatur mit Strom aktiviert, und damit die Muskulatur aufgebaut. Die Patientin kann dabei die Muskelanspannung ihres Beckenbodens spüren. Das Training erfolgt für 3-6 Monate täglich durch die Patientin selbst. Im Anschluss kann die Patientin mit einem gestärkten Beckenboden und einer verbesserten Wahrnehmung den Beckenboden meist aktiv selbst ansteuern. Die Geräte sind spezielle Heimgeräte, die Kosten übernehmen normalerweise die gesetzlichen Krankenkassen.
Wichtig ist außerdem, Beckenbodentraining in den Alltag zu integrieren, statt es als zusätzliche große Aufgabe zu sehen. Kleine bewusste Übung beim Zähneputzen an der Ampel oder am Schreibtisch sind oft realistischer als der Vorsatz für lange Trainingseinheiten. Ein weiterer Punkt ist die Atmung, denn Beckenboden und Zwerchfell arbeiten eng zusammen. Viele Patientinnen pressen unbewusst oder halten die Luft an – das ist eher kontraproduktiv. Und ganz wichtig: Nicht jede Frau braucht einfach nur mehr Spannung. Gerade bei chronischen Schmerzen, Endometriose oder bestimmten Beckenbodenbeschwerden kann auch eine Überaktivität vorliegen. Deshalb ist eine gute individuelle Einschätzung so wichtig.
Diba Nazar-Czaplinski: Welche Rolle spielt Prävention in der modernen Frauengesundheit und was können Frauen heute selbst aktiv für ihren Körper tun?
Prävention spielt in der modernen Frauengesundheit eine zentrale Rolle – idealerweise begleiten wir Frauen nicht erst dann, wenn Beschwerden oder Erkrankungen bereits entstanden sind, sondern deutlich früher. Moderne Frauenmedizin bedeutet für mich nicht nur Therapie, sondern vor allem auch Gesundheitsvorsorge, Aufklärung und die Stärkung der Eigenkompetenz von Frauen.
Viele Themen lassen sich durch frühzeitige Prävention positiv beeinflussen - von Beckenbodengesundheit und Inkontinenz über Herz-Kreislauf Gesundheit, Knochengesundheit, hormonelle Veränderung bis hin zur Krebsfrüherkennung. Gerade weil Frauen im Laufe ihres Lebens verschiedene hormonelle und körperliche Umbruchsphasen erleben - Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre-, ist Prävention kein einmaliges Thema, sondern ein lebenslanger Prozess.
Was Frauen selbst tun können? Tatsächlich sehr viel: Regelmäßige Bewegung, gezieltes Krafttraining, Beckenbodenpflege, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, Stressmanagement und die Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen. Aber auch, den eigenen Körper ernst zu nehmen, Veränderung nicht zu bagatellisieren und Beschwerden früh anzusprechen.
Es ist wichtig, Prävention nicht als zusätzlichen Druck zu vermitteln, sondern als Möglichkeit, die eigene Gesundheit aktiv mitzugestalten. Frauen sollen nicht nur reagieren, wenn etwas nicht mehr funktioniert, sondern wissen, wie sie ihre Gesundheit langfristig stärken können.
Diba Nazar-Czaplinski: Wie bewerten Sie grundsätzlich den Einsatz von elektrischer Muskelstimulation im Bereich der Frauengesundheit?
Elektrische Muskelstimulation kann in der Frauengesundheit ein sinnvoller Baustein sein. Gerade im Bereich der Beckenbodentherapie kann sie für bestimmte Patientinnen hilfreich sein, insbesondere wenn die Eigenwahrnehmung der Muskulatur eingeschränkt ist oder eine gezielte Aktivierung zunächst schwer fällt, z. B. nach Geburten oder bei bestimmten Formen der Beckenbodenschwäche.
Wichtig ist aber die richtige Indikationsstellung. Nicht jede Frau mit Beckenboden beschwerden profitiert automatisch davon. Gerade bei chronischen Schmerzsyndromen, Endometriose oder einem bereits überaktiven, verspannten Beckenboden kann zusätzliche Stimulation unter Umständen sogar kontraproduktiv sein.
Aus meiner Sicht ist elektrische Muskelstimulation dann sinnvoll, wenn sie in ein individuelles, fachlich begleitetes Gesamtkonzept eingebettet ist – also nicht als isolierte technische Lösung, sondern als ergänzendes Werkzeug neben Diagnostik, gezieltem Training, Physiotherapie und gegebenenfalls weiteren Therapien.
Diba Nazar-Czaplinski: In der medizinischen Anwendung wird zwischen verschiedenen Frequenzbereichen unterschieden. Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die Mittelfrequenz im Vergleich zu anderen Formen der Stimulation?
Die Mittelfrequenz wird häufig als angenehm empfunden, weil der Hauptwiderstand bei höheren Frequenzen geringer ist – das bedeutet, dass tiefere Gewebestrukturen teilweise komfortabler erreicht werden können als bei klassischen niederfrequenten Reizströmung. Das kann in bestimmten Anwendung, auch im Beckenbodenbereich ein Vorteil sein.
Diba Nazar-Czaplinski: Ist es korrekt, dass mittelfrequente Anwendungen bereits seit vielen Jahren im therapeutischen Bereich eingesetzt werden zum Beispiel beim Beckenbodentraining und welche Vorteile ergeben sich daraus?
Mittelfrequenter Elektrostimulation wird seit vielen Jahren in unterschiedlichen therapeutischen Bereichen eingesetzt wird, unter anderem in der Rehabilitation und auch in der urogynäkologischen Anwendung wie der Beckenbodentherapie. Ziel ist dabei, je nach Anwendung die Muskelaktivierung, neuromuskuläre Ansteuerung oder unterstützend die Verbesserung der Körperwahrnehmung.
Diba Nazar-Czaplinski: Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, moderne Trainingsmethoden auch einfach zugänglich für den Alltag zu machen unabhängig von einer klassischen Therapie?
Ich halte das für sehr wichtig. Einer der größten Herausforderung in der Gesundheitsprävention ist nicht fehlendes Wissen, sondern die Umsetzung im Alltag. Die beste Methode hilft wenig, wenn sie im realen Leben zu kompliziert, zeitaufwendig oder nur im therapeutischen Setting verfügbar ist.
Je einfacher wir sinnvolle Gesundheitsprävention in den Alltag integrieren können, desto größer ist die Chance, dass Frauen ihre Gesundheit langfristig aktiv stärken – idealerweise bevor überhaupt Beschwerden entstehen.
Diba Nazar-Czaplinski: Welche Entwicklungen oder Innovationen sehen Sie aktuell im Bereich Frauengesundheit die aus Ihrer Sicht besonders viel Potenzial haben?
Ich sehe aktuell mehrere Entwicklung mit großem Potenzial in der Frauengesundheit. Ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass Frauengesundheit zunehmend ganzheitlicher gedacht wird. Lange wurden viele Themen isoliert betrachtet – heute verstehen wir immer besser die Zusammenhänge zwischen Hormonen, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf Gesundheit, Muskel- und Knochengesundheit, Beckenboden, Schmerzmedizin und mentalem Wohlbefinden.
Auch digitale Gesundheitslösungen werden an Bedeutung gewinnen – sei es in Prävention, Training Telemedizin oder in der besseren Begleitung chronischer Erkrankungen wie Endometriose oder Beckenbodenbeschwerden.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Enttabuisierung klassischer Frauen-Themen: Endometriose, Wechseljahre, Inkontinenz, sexuelle Gesundheit oder chronische Schmerzen bekommen endlich mehr Aufmerksamkeit – das ist medizinisch enorm relevant.
Diba Nazar-Czaplinski: Welche drei wichtigsten Empfehlungen würden Sie Frauen mitgeben wenn es um ihre langfristige Gesundheit und ihr Wohlbefinden geht?
1. Bewegung und Muskelgesundheit ernst nehmen.
Unser Körper ist auf Bewegung ausgelegt – und Muskulatur ist ein zentraler Gesundheitsfaktor, nicht nur für Kraft und Beweglichkeit, sondern auch für Stoffwechsel, Knochengesundheit, Beckenbodenstabilität und gesundes Altern. Es muss kein Leistungssport sein, aber Regelmäßigkeit macht den Unterschied.
2. Den eigenen Körper wahrnehmen und Beschwerden nicht bagatellisieren.
Viele Frauen neigen dazu, Beschwerden lange auszuhalten oder als normal hinzunehmen – sei es starke Schmerzen, Inkontinenz, Erschöpfung oder Veränderung in den Wechseljahren. Mein Rat ist: Den eigenen Körper ernst nehmen und frühzeitig Unterstützung suchen.
3. Prävention als Selbstfürsorge verstehen, nicht als Pflichtprogramm.
Vorsorgeuntersuchung wahrnehmen, auf Ernährung, Schlaf und mentale Gesundheit achten und sich bewusst Zeit für die eigene Gesundheit nehmen. Frauen kümmern sich oft hervorragend um andere – aber die eigene Gesundheit darf dabei nicht dauerhaft hinten anstehen.